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Jever und die Saatkrähen
eine Stellungnahme aus dem Jahr 2007 zur Diskussion um die Brutplätze der Saatkrähen in Jever,
vom Naturschutzbeauftragten
des Landkreises Friesland, Herrn Werner Menke

Die Brutsaison 2007 der Saatkrähen ist abgeschlossen, da sollte man eigentlich annehmen, dass die in jedem Frühjahr von neuem aufflammende Diskussion über das sogenannte Krähenproblem in Jever für  dieses Jahr zur Ruhe gekommen ist. Doch genau in dieser Phase rückt der Verein ‚Jever Aktiv’ mit einer publikumswirksamen Aktion das Thema erneut in den Blickpunkt, indem seine Mitglieder das Fräulein – Marien - Denkmal ganz im Stil der „Verpackungskünstler“ Christo und ...  verhüllen, um es mit diesem symbolischen Akt gegen den Kot der Krähen zu schützen.

Vielleicht ist der Zeitpunkt tatsächlich nicht schlecht gewählt, bietet er doch die Möglichkeit zu einer grundsätzlichen Diskussion, die ziemlich unbeeinflusst durch akute Verärgerungen, wie sie während der Brutzeit immer wieder einmal laut werden,  in ruhigen Bahnen verlaufen kann.

Am Beginn des folgenden Diskussionsbeitrags sollen zunächst einige notwendige Klarstellungen stehen:

1. Statt allgemein von ‚Krähen’ zu sprechen, sollten wir konkret die Art benennen, um die es in Jever in erster Linie geht:  Die Saatkrähe als eine von mehreren Arten aus der Gruppe der Krähen- (Raben-)vögel, die sich alle in ihrer Lebensweise und ihren ökologischen Ansprüchen z. T. deutlich voneinander unterscheiden.
Im Gegensatz zu der recht ähnlichen Rabenkrähe z. B., die ebenfalls auf unseren Feldfluren, aber auch in der Stadt regelmäßig anzutreffen ist, brütet die Saatkrähe in Kolonien, d. h., dass man in der Regel keine Einzelnester antrifft, sondern die Horste mehrerer Paare in oft enger Nachbarschaft. In sehr großen Bäumen finden sich leicht mehr als ein Dutzend Nester, was mit dazu führt, dass die Saatkrähe ein sehr auffälliger Vogel ist.

Krähen im Baum  Krähen im Baum
  Krähen in Bäumen rund um den Alten Markt, Schlossstrasse

2. Bei verschiedenen Arten der Rabenvögel, so bei Rabenkrähe, Elster und Eichelhäher, gehören Vogelküken zum normalen Nahrungsspektrum. Diese Arten „plündern“ dann auch entdeckte Vogelnester etwa von Singvögeln vollständig aus. Nach verschiedenen Untersuchungen hat das aber in gut strukturierten Lebensräumen auf die Häufigkeit der betroffenen Singvögel keinen negativen Einfluss. Diesen Aspekt näher zu erläutern, ist hier nicht der Ort; hier geht es allein darum festzustellen, dass die Saatkrähen ein derartiges nesträuberisches Verhalten nicht zeigen. Wenn in Diskussionen immer wieder behauptet wird, dass die Ansiedlung der Saatkrähen im Schlosspark zum Rückgang  anderer Arten geführt hat, dann entspricht das nicht den Tatsachen. Buntspecht, Kleiber, Baumläufer, Rotkehlchen und viele andere Vogelarten sind nach wie vor im Schlosspark zu Hause und sind durch die Saatkrähen ebenso wenig gefährdet wie z. B. die Entenküken an der Graft.

3. Vielfach ist zu hören, dass die Saatkrähen die Bäume schädigen, auf denen sie nisten, und sie letztlich gar zum Absterben bringen. Auch diese Annahme ist falsch. Der Kot der Krähen schädigt das Blattwerk nicht, das Abreißen von Zweigen zum Nestbau beeinträchtigt das Baumwachstum ebenso wenig ( die Regenerationsfähigkeit, die jede normale Gartenhecke nach einem Schnitt zeigt, macht deutlich, was Bäume und Sträucher in dieser Hinsicht „verkraften“ können).  Dass vor allem die Blutbuchen in Jever in den oberen Kronenbereichen auslichten und verkahlen, liegt nicht an der Saatkrähen, sondern hat völlig andere Gründe und  tritt auch in Gegenden auf, in denen die Art gar nicht vorkommt.

4. Nicht zutreffend  ist auch die Aussage, dass die Zahl der Saatkrähen in Jever von Jahr zu Jahr zunimmt.
Seit mehr als 12 Jahren werden sorgfältige Zählungen durchgeführt, die zeigen, dass nach der Neubesiedlung der Stadt Anfang der 1990er Jahre zunächst tatsächlich eine starke Zunahme festzustellen war, seit einigen Jahren aber ist die Zahl der Brutpaare in Jever annähernd konstant. Sie liegt bei über 500 Paaren. Wenn die allerdings im Frühjahr ihre Nestbauaktivitäten entfalten, mag schon der Eine oder Andere den Eindruck haben, es würden immer mehr Krähen, zumal dann, wenn einzelne Paare in Bäumen ihre Nester bauen, die bisher noch keine Brutbäume waren. Solche „Neubesiedlungen“ sind vielfach Ergebnis von Vergrämungsaktionen an anderen Stellen.

5. Es ist daran zu erinnern, dass die Saatkrähe noch 1976 als vom Aussterben bedrohte Art auf der Roten Liste stand, wobei der Rückgang dieses noch Mitte des 19. Jahrhunderts in geeigneten Lebensräumen häufigen Vogels in erster Linie auf direkte Verfolgung durch den Menschen zurückzuführen war. Seitdem haben sich die Bestände erfreulicherweise deutlich erholt, wovon auch die positive Bestandsentwicklung in Jever zeugt. Trotzdem gilt die Art auf der Roten Liste von Niedersachsen von 1995 nach wie vor als gefährdet, u. a. weil viele Brutplätze nach wie vor wegen der fehlenden Akzeptanz durch manche Menschen nicht als stabil gelten können.  

6. Faktum ist, dass die Saatkrähe nach EU -  und bundesrepublikanischem Recht  zu den geschützten Vogelarten gehört. Jede Form der Bekämpfung und auch der Beeinträchtigung ihrer Brutmöglichkeiten ist damit grundsätzlich unzulässig.

Selbstverständlich kann nicht in Abrede gestellt werden, dass die Saatkrähen auch für Unannehmlichkeiten  sorgen, in erster Linie sind hier tatsächlich die in den Diskussionen der letzten Tage immer wieder angeführten Verschmutzungen durch den Kot der Vögel zu nennen, die punktuell auch zu hygienischen Problemen führen können. Als vor einigen Jahren Saatkrähen auch auf dem Kirchplatz zu nisten versuchten, wurden mit Rücksicht  auf den hier regelmäßig stattfindenden Wochenmarkt gezielte Vergrämungsaktionen vorgenommen, die auch erfolgreich waren: In den Folgejahren haben in den Bäumen des Kirchplatzes keine Saatkrähen mehr genistet. Auch ein Besiedlungsversuch am Hopfenbrunnen (Innenhof der Altenwohnungen am Hopfenzaun) wurde auf ähnliche Weise unterbunden. Diese Beispiele mögen zeigen, dass es durchaus möglich ist, an besonders sensiblen Stellen – hier könnte man z. B. auch über die Linden am Frl.- Marien -  Denkmal reden - eine Ansiedlung von Saatkrähen auf verantwortungsvolle Weise zu verhindern bzw. rückgängig zu machen.

Nur sollte man sich darüber im Klaren sein, dass solche Maßnahmen immer nur punktuell und nach reiflichem Abwägen von Argumenten des Naturschutzes und des öffentlichen Wohls ergriffen werden können. Auf keinen Fall dürfen sie sozusagen „flächendeckend“ angewandt werden; ein „Saatkrähen freies“ Jever wird es daher auf absehbare Zeit nicht geben.

Saatkrähe im Baum
Saatkrähe im Baum
Saatkrähe
Saatkrähe auf Nahrungssuche am Boden

Vor diesem Hintergrund kann nur eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit den Vögeln empfohlen werden, wie sie z. B. im generell vogelfreundlichen England die Regel ist. Dort nisten Saatkrähen oft in unmittelbarer Ortsnähe und auch in Parkbäumen mitten in Kleinstädten und niemand scheint sich daran zu stören. Sich immer wieder von Neuem aufzuregen, führt nicht weiter; viel leichter  fiele der Umgang mit den Krähen, wenn man bereit wäre, Unannehmlichkeiten in einem gewissen Ausmaß  zu tolerieren. Dass die eine oder andere Parkbank zu bestimmten Zeiten nicht zum Verweilen einlädt, schmälert nicht grundsätzlich den Erholungswert der Stadt. Auch andere im Allgemeinen durchaus positiv besetzte Natureindrücke bringen  zeitweise Beeinträchtigungen mit sich: Wer sich im Frühjahr über den frischen Laubaustrieb von Bäumen in der Nachbarschaft freut, wird vielleicht beim Laubfegen im Herbst gelegentlich grummeln und trotzdem nicht auf die Idee kommen, die Bäume zu fällen. Verschiedene Orte in Norddeutschland nennen sich stolz „Storchendorf“ und vermarkten die Tatsache, dass Jahr für Jahr mehrere Storchenpaare dort ihr Nest besetzen, sogar touristisch, keine Bürgerinitiative regt sich in diesen Orten über die „Hinterlassenschafen“  der großen Vögel auf.  

Wir als Bürger einer lebenswerten Kleinstadt sollten  uns bewusst sein, dass diese Stadt nicht den Bürgern allein gehört, sondern das wir Menschen auch Teil eines kleinstädtischen Lebensraums von erhaltenswerter ökologischer Bedeutung sind, zu dem außer uns beispielsweise auch die Turmfalken gehören, die den Schlossturm umkreisen, die Federmäuse, die durch den nächtlichen Park flattern, die Spechte und Meisen, die an den winterlichen Futterstellen auftauchen, und eine erstaunliche Vielzahl von anderen Arten, darunter eben auch die Saatkrähen.

Woher eigentlich nehmen wir das Recht, unsere Welt allein nach unseren Maßstäben einzurichten? Was wir als „niedlich“ empfinden (z. B. Rotkehlchen, Zaunkönig, Entenküken), und was angenehm zwitschert, ist uns willkommen, was uns schwarzgefiedert und rau-krächzend missfällt, hat in unserer Stadt nichts zu suchen!

Dabei bietet, wenn man sich einmal um eine andere Sichtweise bemüht, die Beobachtung von Saatkrähen in der Stadt eine Fülle von faszinierenden Erlebnissen. Eindrucksvoll sind z. B. die morgendlichen und abendlichen Flüge von gemischten Dohlen- und Saatkrähentrupps, die, wenn sich im Winterhalbjahr der Zuzug nordost-europäischer Vögel bemerkbar macht, in Jever aus mehreren Tausend Vögeln bestehen können. Mancher Passant mag sich da an Alfred Hitchcocks Thriller ‚Die Vögel’ erinnert fühlen. Aber die dort als Psychodrama gestaltete Bedrohung durch die Gefiederten ist reine Fiktion, wir können uns völlig angstfrei an den spektakulären Bildern erfreuen! Ähnlich beeindruckend kann es wirken, wenn zur Nestbauzeit die großen Vögel mit geradezu akrobatischem Geschick in den äußeren Kronenbereichen die Balance halten, um die feinen äußeren Zweige mit dem Schnabel erreichen und abbrechen zu können. Geradezu spannend kann es sein, zur Paarungszeit das Balzverhalten der Vögel am Nestplatz zu beobachten. Warum also sollten wir nicht das, was uns gelegentlich ärgern mag, einfach positiv besetzen – es würde viele Konflikte lösen!

Saatkrähe in der Luft   Saatkrähe in der Luft
Saatkrähe in der Luft mit Material zum Nestbau

Wenn man die Bürger unserer Stadt im Hinblick auf ihre Einstellung  zu den Saatkrähen einordnen möchte, dann lassen sich vermutlich grob gesehen drei Gruppen aufstellen (abgesehen von einer Restgruppe, die sich mit dem Thema überhaupt noch nicht beschäftigt hat).

Da sind zum Einen die Leute, die in den Krähen in erster Linie eine Plage sehen, von der es die Stadt möglichst schnell und gründlich zu befreien gilt. Da sind zum Anderen diejenigen, die den Krähen relativ neutral gegenüberstehen, nichts gegen die Vögel haben und bereit sind, gelegentliche Unannehmlichkeiten zu tolerieren. Und da sind schließlich die ausgesprochenen Krähenfreunde (zu denen sich der Verfasser selbst ausdrücklich rechnet), die sich an der Vitalität dieser Vögel und ihren eindrucksvollen Lebensäußerungen erfreuen. 

Die erste Gruppe meldet sich regelmäßig mit Leserbriefen oder in anderer Form – wie jetzt mit der Denkmalsverhüllung – zu Wort, einzelne versuchen sogar in einer Art Privatfehde aktiv gegen die Krähen vorzugehen; die lauten Böllerschüsse, die in den letzten Jahren regelmäßig zu Beginn der Brutzeit den  „ruhigen Erholungsort“ Jever aufschreckten, legen davon Zeugnis ab. Die zweite Gruppe dürfte vermutlich die – zumeist  schweigende  - Mehrheit, die dritte Gruppe derzeit noch eine Minderheit darstellen.

Schön wäre es, wenn im Laufe der Zeit möglichst viele  Bürger aus der ersten Gruppe zu einer anderen Einstellung fänden. Dann würde vielleicht - ein wenig Utopie sei zum Schluss  erlaubt – das Bild in wenigen Jahren anders aussehen:

Der Verein „Jever aktiv“ setzt sich dann aktiv für das Wohl der Stadt und für die in der Stadt lebenden Saatkrähen ein und beteiligt sich z. B. an den Kosten für eine Schautafel in den Wallanlagen oder für ein im Tourismusbüro ausliegendes Faltblatt mit Informationen zum „aufregenden“ Lebenslauf der Vögel; bei Stadtführungen wird mit dem gleichen Stolz, mit dem Schloss und Edo - Wiemken -Denkmal vorgestellt werden, darauf hingewiesen, dass die Stadt über 500 Brutpaaren dieser noch vor wenigen Jahren stark gefährdeten Vogelart Heimat bietet, Jeversche Bürger machen ihre auswärtigen Besucher auf die grandiosen Schauspiele der abendlichen Krähenflüge aufmerksam.  

Ob das alles im  Sinn von  Fräulein Maria wäre?  Vermutlich wohl nicht, die hätte aus dem Naturverständnis ihres Jahrhunderts heraus ihre Untertanen wohl eher sogar zur Bekämpfung  der schwarzen Gesellen aufgefordert, schließlich wurden unter ihrer Ägide auch mehrere Männer und Frauen als Zauberer oder Hexen hingerichtet.  Aber die Zeiten haben sich glücklicherweise geändert. Niemand wird hierzulande mehr als Hexe verbrannt und nur wenige noch trachten darnach, die Krähen auszurotten. Lassen wir Fräulein Maria ruhig noch einige Zeit eingepackt, vielleicht wird sie sich dann, wenn sie wieder enthüllt wird, verwundert die Augen reiben!


Anmerkung vom Herausgeber:
mittlerweile ist eine Geschichte, halb Sage, halb Märchen, zur Einstellung vom
Fräulein Maria zu den Saatkrähen von Frau Sybille Heinen erschienen.


siehe:
Maria, Regentin von Friesland
"Ich komme wieder...", Der Mariengang im Schlosspark zu Jever, von Prof. Dr. Antje Sander
Krähenklatsche
Krähenplage
Krähen in Jever
Maria und die Saatkrähe von Sybille Heinen



externe Links:

(siehe Hinweis)

   



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